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Katrin S. Weidhofer

Katrin S. Weidhofers Arbeiten entfalten sich aus der Geste des Verwebens. In ihren Kombinationen von Fotografie, Collage, Aquarell und Stickerei entsteht ein komplexes System aus Schichtung, Transparenz und Überlagerung, in dem Erinnerung zu einer materiellen Struktur wird. Jede Arbeit trägt die Spuren unterschiedlicher Medien in sich: Pigment, Papier, Faden und Licht greifen ineinander und bilden ein Textil der Zeit.

Weidhofers Verfahren lässt sich als „ikonische Archäologie“ beschreiben: eine Praxis, in der das Sichtbare aus sedimentierten Schichten besteht. Sie arbeitet mit einer Bildlogik, die an Aby Warburgs Konzept des Nachlebens der Bilder erinnert (Nachleben der Antike), in dem visuelle Formen als Träger kultureller Erinnerung fungieren (Warburg 1932, 41–45). Die gestickten Linien und übermalten Fragmente ihrer Werke schreiben dieses Nachleben fort: Jede Schicht ist Echo, jede Naht eine Spur.

Die Materialität spielt dabei eine zentrale Rolle. Der Faden wird zur Denkfigur, zur Linie des Gedächtnisses. Roland Barthes hat das Gewebe als Metapher des Textes bezeichnet: als „Gewebe von Zitaten, aus unzähligen Kulturzentren stammend“ (Barthes 1973, 64). Weidhofer überführt diese semiologische Metapher in eine visuelle Realität. Ihre Stickereien sind Texte im buchstäblichen Sinn: Einschnürungen, Überkreuzungen, Nähte, die den Körper der Erinnerung rekonstruieren.

Die Verbindung von Stickerei und Fotografie erzeugt eine Hybridität, die zwischen Medium und Körper vermittelt. Die aufgenähten Linien greifen in das Bild ein, durchstoßen die fotografische Haut. Diese Durchdringung evoziert sowohl Verletzlichkeit als auch Präsenz: Das Bild wird zur Wunde, die heilt, indem sie sichtbar bleibt. Elaine Scarry beschreibt in The Body in Pain den Akt des Gestaltens als Transformation von Schmerz in Welt (Scarry 1985, 22–25). Weidhofers Arbeiten folgen dieser Logik: Die Linie ist eine Geste der Fürsorge, das Nähen eine Handlung der Wiedergewinnung.

Thematisch kreisen ihre Arbeiten um Erinnerung, Verlust und den Versuch, das Vergangene in Materialität zu übersetzen. Die Farbwahl, oft gedämpfte, erdige Töne, überlagert von feinen, glänzenden Fäden, betont die Ambivalenz zwischen Präsenz und Abwesenheit. Diese visuelle Sprache findet ihre theoretische Resonanz in Griselda Pollocks Überlegungen zur „feminine aesthetic of trace“, in der das Erinnerte angedeutet wird (Pollock 2007, 93–96). Ihre Praxis lässt sich auch als Antwort auf die digitale Gegenwart lesen, in der Materialität zunehmend verschwindet. Indem sie das Haptische betont, die Spur der Hand, den Widerstand des Fadens, insistiert sie auf einer sinnlichen Dimension der Erinnerung. Sie zeigt, dass jede Spur eine physische Realität besitzt.

Weidhofers Arbeit steht für eine Poetik der Rekonstruktion. Ihre Arbeiten materialisieren die Erfahrung der Verwandlung, indem sie zeigen, wie Erinnerung gewebt wird. In jeder Naht, in jeder Lasur verdichtet sich die Zeit. Das Bild wird zum Körper, der trägt, was einmal war, und zugleich Neues formt.

Text: Anne Avramut